54. oder von dem unglaublich echten

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Was mich anbetrifft, so zahle ich für die Fähigkeit, Menschen richtig zu behandeln, mehr als für irgendeine andere auf der ganzen Welt. - John Davison Rockefeller

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Da ich Dodo besser nicht mehr fragen sollte, kam ich jetzt darauf zurück: „Liana, was ist eigentlich, wenn ein Meermenschen und ein Sterblicher, also ein Mensch, zusammen sein wollen? Kann man das irgendwie regeln?" Während sie ein paar Treppen hinunterrannte, als ob sie schon ihr Leben lang auf Beinen gehen würde, und ich ihr noch etwas tollpatschig hinterher hetzte, hörte ich sie sagen: „Das kommt erst in Lektion sieben dran. Sei nicht so ungeduldig und komm jetzt gefälligst mit. Wir müssen aus dir eine angemessene Hüterin des Meeres machen."

C H L O É
Im unteren Stockwerk befand sich ein schier endloser Flur, von dem eine Menge Türen abzweigten. Ich kam nicht dazu, abschätzen zu können, wieviele es genau waren, denn Liana öffnete die erste auf der linken Seite, und ich sah dass sie eine grosse ‚1' zierte. Ohne dass ich überhaupt fragen musste, erklärte Liana mir: „Jede Tür steht für eine der Lektionen, die du zu lernen hast. Die erste beinhaltet die wichtigste: das Geheimnis zu hüten." Ich runzelte die Stirn: „Aber das weiss ich doch schon. Das hat mir der Mann als ich ein kleines Kind war, schon erzählt." Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf und zeigte auf den steinernen Altar, der in der Mitte des ansonsten leeren Raumes stand: „Du wirst ein Opfer bringen müssen, und darauf schwören, unsere Existenz mit deinem Leben zu beschützen. Nicht umsonst wirst du eine Hüterin des Meeres sein." Ein paar Schauer liefen über meinen Rücken und ich halte nach: „Was für ein Opfer?" „Das Opfer des Blutes", erklärte Liana unberührt. Um das ganze etwas herauszulegen, fragte ich nun: „Und wieviele Lektionen gibt es?" „So viele, wie es Türen gibt. Jetzt komm, es dauert nicht lange. Es ist nur ein einfacher Schwur."

Sie deutete auf den Altar, und als ich davor stand, nicht wissend was ich tun sollte, hob sie mich einfach darauf, als würde ich nichts wiegen. Sie bedeutete mir, mich hinzulegen und nahm dann von irgendwoher ein Messer, wahrscheinlich für das Blut. Sie schnitt sich mit einer schnellen Bewegung in die Handfläche und hielt sie direkt über meinen Kopf, sodass das Blut auf meine Stirn tropfte. Ich schloss automatisch meine Augen, stark darauf konzentriert nicht zurückzuzucken und dann nahm sie meine Hand in ihre und schnitt sie ebenfalls auf. Der plötzliche Schmerz veranlasste mich dazu, dass ich meine Augen ruckartig wieder aufriss, und so gerade noch sah, wie sie unsere Handflächen zusammendrückte. Dabei sagte sie etwas wie ein Mantra vor sich hin, doch ich konnte es nicht verstehen, als mein Blickfeld langsam kleiner und dunkler wurde, und mich schliesslich Dunkelheit umfing.

Als ich erwachte, lag ich in einem weichen Bett, welches in einem geräumigen Zimmer platziert war, zusammen mit einem Schrank, einem Regal und einem Tisch mit zugehörigen Stuhl. Ich schwang meine Beine über den Bettrand, wobei ich mich immer noch etwas schwummrig fühlte, doch ich war dazu in der Lage, aufzustehen. Auf dem ansonsten leeren Tisch lag ein grosses und überaus dickes Buch. Es sah alt und vermodert aus, und ich hatte das Gefühl, es könnte jeden Moment zerfallen, wenn ich es anfassen würde. Doch trotzdem schlug ich es, neugierig wie ich war, auf und konnte lesen:

Einführung in die Welt der Magie - Lehrbuch für alle Hüter des Meeres

Darunter waren ein paar Namen aufgelistet, wahrscheinlich die Autoren dieses Buches, welches auf dem Buchumschlag als Grimoir bezeichnet wurde. Was auch immer das war. Ich wusste noch immer nicht, was die genaue Aufgabe der Hüter des Meeres war, doch es müsste wohl etwas genauso übernatürliches sein, wie es die Existenz meines Volkes war. Ich wollte weiterblättern, doch in diesem Moment öffnete sich die Türe, und Laila sagte: „Zieh dir etwas an, das Grimoir kannst du dir später ansehen. Ich werde dich als erstes herumführen." Die Türe schloss sich wieder und ich hörte die sich entfernenden Schritte von ihr, bevor ich den Raum durchquerte um zum Kleiderschrank zu kommen. Ich hatte nicht wirklich viel Auswahl, da alles was es darin zu finden gab, Unterwäsche, schwarze Hosen, weisse Shirts und schwarze oder blaue Blazer waren. Ich zog mir schnell etwas an und öffnete dann meine Türe. An der Wand gegenüber angelehnt stand Laila, welche in genau dem gleichen gekleidet war wie ich. Sie lächelte leicht und als sie keine Anstalten machte, sich zu bewegen, fragte ich: „Was ist ein Grimoir?" Sie lächelte: „Das was auf dem Tisch in deinem Zimmer liegt. Du wirst genug Zeit haben, es dir durchzulesen. Natürlich steht es dir auch noch zur Verfügung, wenn wir dieses Reich verlassen haben. Aber das dauert noch ein Weilchen." Sie lief nun vor mir her ein paar Gänge entlang und betrat dann einen Raum, dessen Tür mit einem Teller und Besteckt gekennzeichnet war, welches wohl daran geklebt worden war. Wie sich herausstellte, war es die Küche. „Wie lange werden wir denn hier bleiben?", fragte ich, während sie mir einen Teller mit Pfannkuchen reichte. Also an sowas könnte ich mich gewöhnen! Sie setzte sich mir gegenüber an den kleinen Tisch und erklärte: „In der realen Welt keine zwei Sekunden, aber hier wird es dir wohl schon etwas länger vorkommen. Je nach körperlicher Verfassung kann es kürzer oder länger gehen, alle Lektionen zu bearbeiten. Ein paar Wochen bis zu einem Jahr wird es sich ziehen können." Ich spuckte fast mein Essen wieder aus, als ich das hörte und reklamierte: „Aber dann sehe ich Harry ja ein ganzes Jahr lang nicht mehr!"Liana lächelte: „Für ihn wird es sein als ob die nie weg gewesen wärst", mir stellte sich die Frage, ob sie überhaupt wusste wer Harry war, aber sie redete weiter, „aber du wirst dich über deine Gefühle klar werden können. Ob du wirklich dafür bereit bist, für ihn dein unsterbliches Leben zu opfern, oder ob du bereit wärst, seine Sterblichkeit dafür herzugeben, dass ihr immer zusammen sein könnt. Die Ewigkeit ist eine sehr lange Zeit, dessen musst du dir bewusst sein, Chloé. Doch genauso kann sie nie genug sein. Es liegt alles an dir." Mir wurde bewusst, dass sie damit angedeutet hatte, es gäbe zwei Möglichkeiten für Harry und mich: den gemeinsamen Tod oder die gemeinsame Ewigkeit. Jacob oder Edward. Ich murmelte: „Ich dachte es wird erst in Lektion sieben das Thema sein?" Liana schmunzelte: „Du sollst dir nur darüber im Klaren werden, was du willst. Das ist nichts, was du auf die leichte Schulter neh,en solltest." Ich war nun fertig mit dem Essen und stellte das Geschirr in die Spülmaschine, bevor ich ihr folgte. Sie leitete mich durch das ganze Haus, welches tatsächlich riesig war, nur den Gang mit den vielen Türen durchliefen wir nicht. Stattdessen betraten wir nach der Führung den zweiten Raum. Darin standen zwei Sessel, die sich gegenüber standen, und Liana bedeutete mir, in dem ihr gegenüber Platz zu nehmen. Dann schwieg sie. Als die Neugier in mir siegte, fragte ich: „Was jetzt?" Noch während ich sprach, durchzuckte mich ein traumatisierender Schmerz, der nach etwa zehn Sekunden wieder abebbte. Ich starrte Liana mit vor Schock geweiteten Augen an, doch sie blickte mir nur starr in die Augen und sagte immer noch nichts. „Liana", flehte ich. „Was soll das?", während dieser Frage setzte der Schmerz wieder ein, und ich wollte von dem Stuhl aufspringen, doch ich konnte nicht. Es war, als wäre mein Körper mit unsichtbaren Seilen an den Stuhl gefesselt. Liana tat immer noch nichts. „Bitte, sag mir was hier los ist", murmelte ich. Diesmal traf mich kein Schmerz, doch ich hielt meinen Mund geschlossen, ängstlich dass der Schmerz doch wieder einsetzen könnte. Liana lächelte schwach und legte sich quer über den Sessel, als würde sie sich langweilen. Ich würde wütend: „Hilf mir, wieso liegst du nur so da?" Wieder der Schmerz, als sässe ich auf dem elektrischen Stuhl. Wollte sie mich hier zu Tode foltern? Wieso hatte sie sich keine Zeitschrift mitgenommen? Ich sprach die Fragen nicht laut aus, denn jetzt begriff ich: immer wenn ich fragte, folterte sie mich. Wieso war mir schleierhaft, doch die Nachbeben von dem Schmerz durchzuckten immernoch meinen Körper, und ich murmelte ein letztes Mal: „Wieso?" Der jetzige Schmerz schickte mich enttäuscht in die Bewusstlosigkeit.
Als ich aufwachte, sass ich immernoch auf diesem mir verhassten Stuhl. Liana lächelte leicht, als ich aufwachte, doch ich streckte ihr bloss die Zunge raus und wandte den Kopf ab. ‚Ha, ich habe dein Spiel durchschaut. Darauf fall ich nicht rein!' dachte ich mir schadenfreudig. Wie sich nach ein paar Stunden jedoch herausstellte, gab es keinen Grund schadenfreudig zu sein. Liana stand auf und zog mich von dem Stuhl, während sie meinte: „Lektion verstanden?" Ich seufzte: „Du hättest mir auch einfach sagen können, dass ich nicht so viele Fragen stellen soll." „Aber dann hättest du gefragt, wieso, und du hättest es wieder nicht kapiert. Du musst Geduld üben, Chloé und wissen, dass alles zu seiner Zeit kommt. Menschen sind von Natur aus ungeduldig, doch du musst verstehen, was es bedeutet, eine Hüterin des Meeres zu sein. Komm mit, es gibt noch viel zu lernen. Wenigstens warst du schneller als manch andere." Sie führte mich aus dem Raum auf die gegenüberliegende Tür zu, auf der eine grosse ‚3' prangte. Am liebsten hätte ich wieder gefragt, als wir in dem leeren Raum standen, doch die vorherige Lektion belehrte mich eines besseren. Ich sah mich misstrauisch um, doch als mir immernoch nichts ungewöhnliches - abgesehen von der Tatsache dass der Raum leer war - auffiel, wandte ich mich Liana zu. Sie lächelte geheimnisvoll und trat hinter mich: „Schliesse deine Augen." Als ich tat was sie sagte, fuhr sie fort: „Du kannst dich nicht immer bloss auf deine Augen verlassen. Höre mit deinen Ohren genau hin, rieche deine Umgebung, fühle was die Umgebung dir sagen will." Ich runzelte die Stirn, da ich nicht wusste, was sie meinte. Das einzige was ich hörte, waren meine gleichmässigen Atemzüge. Sie entfernte sich von mir und flüsterte: „Mache die Augen erst auf, wenn du weisst was das bedeutet. Dann wirst du es sehen." Ich hörte wie die Tür zuging. Ich war alleine...

Oder nicht? Ich wusste es nicht. Ich hörte nichts, ausser meinen eigenen Körper. Ich sah nichts, schliesslich hatte ich ja die Augen zu. Ich roch nichts, vielleicht gerade deshalb, weil ich es nicht versuchte. Irgendwann wurde mir alles zu bunt und ich liess mich auf den Boden fallen. Ich lächelte, als ich meine Finger in die weiche Erde grub und liess mich ganz nach hinten fallen, sodass ich im weichen Gras lag. Die Ohnmacht war nicht erholsam gewesen, und vielleicht würde ich ja hier etwas schlafen können, selbst wenn ich nicht begriff, was das für eine Lektion sein sollte. Meine Gedanken drifteten ab, während ich dem rascheln der Blätter zuhörte und meinte, sogar Meeresrauschen hören zu können. Erst in diesem Moment würde mir bewusst: eigentlich war ich doch immernoch in den leeren Raum, in dem Liana mich zurückgelassen hatte? Ich riss meine Augen auf und jetzt wusste ich, worum es hier ging. Um mich herum blühten Blumen und der Wind fuhr durch meine Haare, die auf alle Seiten geweht wurden. Ich lachte entzückt auf, sah mich um, und bemerkte, dass Liana mich aus dem Türrahmen heraus anblickte. Ein kleines Backsteinhäuschen stand mitten in diesem Paradies, welches wohl das gigantische Haus darstellen sollte, in dem wir uns befanden. Es war unglaublich. Doch es war echt.

⍟ Secrets ⍟ (A Harry Styles Fanfiction)Hikayelerin yaşadığı yer. Şimdi keşfedin