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(17. April)
(Überarbeitet: 14.10.2023)

Milo

In dieser Nacht schlief Milo schlecht. Albträume plagten ihn. In seinen Träumen verfolgten ihn die Bilder von Leni, wie er mit zuckendem Körper am Fluss lag und wimmerte. Es fühlte sich an, als würde er wieder neben ihm liegen, sobald er aufwachte.
Doch als Milo aufwachte, war das Nest neben seinem leer.

Antriebslos stand er auf und schnupperte. In der Scheune roch es schwach nach Maus. Bei dem Geruch begann sein Magen wie auf Kommando zu knurren. Milo beschloss, dass er es nicht länger ohne etwas zwischen den Zähnen aushielt. In geduckter Haltung schlich er sich auf die vordere Ecke der Scheune zu. Der Geruch wurde immer stärker und bald schon erspähte er die Maus hinter einem kleinen Heuhaufen. Sie knapperte an einem Korn und schien Milo noch nicht bemerkt zu haben. Er duckte sich noch weiter und spannte die Hinterläufe zum Sprung an. Mit einem eleganten Satz landete Milo auf der Maus und erledigte sie mit einem Schlag auf das winzige Genick. Sie quiekte nicht einmal.
Zufrieden hockte er sich hin und fraß die Maus mit ein paar wenigen hastigen Bissen hinunter.

Langsam hielt Milo es hier nicht mehr aus. Die Scheune war voll mit Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Zeiten in denen Leni noch gelebt hatte.
Kurz nach Sonnenaufgang verließ er schließlich den Hof auf dem er lebte. Oder gelebt hatte. Unbewusst hatte er die Entscheidung getroffen, zu den Clans zu gehen und sie zu warnen.

Ich hoffe ich mache das richtige. Hätte Leni es so gemacht, wenn ich an seiner Stelle gestorben wäre?
Mit neuer Entschlossenheit lief er auf den Waldrand zu. Seine Pfoten fühlten sich viel leichter an als gestern. Doch der dumpfe Schmerz in seiner Brust blieb. Seine Schultern taten noch weh vom Graben. Der Wind zerrte an Milos Fell und ließ erst nach als er den Laubwald betrat. Im Wald war es dämmrig und Milo brauchte einen Moment um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Dann lief er weiter. Immer am Fluss entlang.
Nach einer Weile blieb er stehen und trat vorsichtig an das Ufer, um in den Fluss zu spähen. Träge floss das Wasser dahin. Die Strömung war nicht stark genug um das schwarze Gift schnell von einem Ort zum nächsten zu bringen. Es würde noch ein paar Sonnenaufgänge dauern bis das Wasser die Clans erreicht hatte.

Milo ging weiter. Er konnte seine Augen kaum offen halten und seine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknete Erde an. Solange er noch so nahe bei der Scheune und seinem alten zu Hause war, durfte er nichts von dem Wasser trinken, ohne zu riskieren, vergiftet zu werden. Er war sich auch nicht sicher, ob es ungefährlich war etwas zu jagen. Was wäre, wenn eines der Beutetiere Gift im Körper hatte und die Wirkung noch nicht eingesetzt hatte?
Kurz vor Sonnenhoch machte Milo eine Pause. Sein Magen knurrte und er bereute, dass er sich am Morgen nicht noch eine zweite Maus gefangen hatte. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und entfernte sich soweit es ging, ohne dabei den Fluss aus den Augen zu verlieren, vom Fluss und lief in den Wald hinein. Er musste etwas essen, auch wenn er sich dabei in Lebensgefahr brachte.

Mit weit geöffnetem Maul und gespitzten Ohren schlich er durch den Wald. Er hörte eine Maus im Dickicht rascheln und mehrere Vögel zwitschern. Sein Geruchssinn verriet ihm, dass links vor ihm eine Maus im Gebüsch hockte. Er ließ sich ins Jagdkauern fallen und spähte mit zusammen gekniffenen Augen unter den Busch. Nahe beim Stamm hockte die Wühlmaus auf ihren Hinterpfoten. In den Vorderpfoten hielt sie einen Buchecker und knapperte geschäftig daran. Milo prüfte die Windrichtung, umrundete die Maus ein Stück und begann dann sich auf leisen Sohlen an das Beutetier anzuschleichen.
Nur noch eine Schweiflänge trennte ihn von der Maus. Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen und spürte beinahe schon, das warme Fleisch zwischen den Zähnen. Konzentriert schlich er noch ein winziges Stück näher, dann sprang er. Durch die Äste über ihm war er etwas behindert und wurde so aus dem Gleichgewicht gebracht.

„Mäusehirn", schallte er sich selbst in Gedanken. Die Maus ließ den Buchenecker fallen und wollte gerade davon flitzen, als er noch einmal blitzschnell die Pfote ausstrecke und sie packte.
Mit einem zufriedenen Schnurren zog er die kleine Maus zu sich heran und tötete sie mit einem raschen Biss ins Genick.
„Danke", murmelte Milo. Er wusste nicht bei wem er sich bedankte, doch er hatte das Gefühl, dass er das tun musste.
Mit der Maus im Maul machte er sich auf den Rückweg zum Fluss und ließ sich etwa eine halbe Baumlänge vom Ufer entfernt nieder. Der Wind fuhr durch die Bäume und ließ raschelnd ein paar Blätter zu Boden fallen, als Milo den ersten Bissen von seiner Maus nahm und genüsslich die Augen schloss. Nach einer kurzen Pause, die er in einem kleinen Sonnenfleck verbrachte, brach er wieder auf. Diese mal mit mehr Energie. Milo vermisste langsam die Sonne, daher beeilte er sich und hoffte darauf, dass der Wald bald endete.

Als die Sonne unterging erreichte er den Waldrand. Seine Pfoten schmerzten und Kletten und Blätter hingen in seinem langen, goldenen Fell. Milo entschied die Nacht hier zu verbringen, im Schutz der Bäume. Nach einem kurzen Kontrollgang rollte er sich zwischen den Wurzeln eines Baumes zusammen und schlief augenblicklich ein. 

WarriorCats- Schwarzer FlussDonde viven las historias. Descúbrelo ahora