17 Yuna ist verschwunden

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Midori wachte auf, da sie von Stimmen aus der Küche gestört wurde. Ihr war schon aufgefallen, dass sie während der Schwangerschaft oft aufwachte, auch wegen Geräuschen, die ihr Ohr erreichten. Sie wälzte sich herum, wobei sie Ayumi mit dem Ellbogen anstiess. Sie hielt die Luft an und wartete auf eine Reaktion, aber nichts geschah. Eigentlich hätte sie dies nicht wundern sollen.

Sie liess ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Erwartungsgemäss waren die Kanades bereits auf den Beinen und wahrscheinlich in der Küche. Sie hatten am Vorabend angekündigt, dass sie es nochmals bei der Polizei versuchen wollten. Tama schlief noch tief und fest, und auch Yui lag noch in ihren Futon gekuschelt.

Von Yuna war nichts zu sehen, aber das war schon die ganze Zeit so. Dieses Mädchen war ihr leider noch immer ein Rätsel. Bereits in den vergangenen Nächten war Midori aufgefallen, dass die Oberschülerin nicht im Futon schlief. Sie konnte sie aber jedes Mal draussen entdecken. Entweder lief sie um das Haus herum, oder sie lehnte bei der Küche gegen eine der Säulen und starrte aufs Meer hinaus.

Sie machte sich Sorgen, dass ihr Schützling zu wenig schlief, aber der Krankenschwester war auch bewusst, dass sie Yuna nur sehr schwer dazu zwingen konnte sich untersuchen zu lassen. Wahrscheinlich litt sie einfach nach wie vor am Verlust ihrer Familie – immerhin war das noch kein halbes Jahr her.

Yui dagegen schien nach einem schwierigen Start mit der Situation besser umgehen zu können. Jedenfalls verhielt sie sich zum grössten Teil wie ein normales Mädchen in ihrem Alter. Midori seufzte, dann stand sie auf, da ihre Blase drückte. Sie schlich sich zur Tür und ging in die Küche.

»Guten Morgen, miteinander.«

Die Eltern sassen an der Feuerstelle und assen Reis und eingelegtes Gemüse. Daneben standen dampfende Teebecher. »Guten Morgen, Omura-san«, erwiderte Tomoya, während seine Frau mit einem müden Lächeln nickte.

»Ich nehme an Sie fahren nachher gleich los?« Midori nahm sich einen Becher und füllte ihn mit Tee.

»Jawohl. Nochmals vielen Dank, dass Sie auf Tama aufpassen.«

Die Krankenschwester trank einen Schluck, dann winkte sie ab. »Schon gut. Sie würden dasselbe für uns tun.«

Tomoya nickte und schaufelte sich den Rest seines Reis in den Mund.

»Ich hoffe es bereitet Ihnen nicht zu viele Umstände, dass wir schon wieder mit dem Auto unterwegs sind«, murmelte Nagisa, welche das Geschirr einsammelte und zum Holzbecken für den Abwasch trug.

»Absolut nicht. So kommen Sie schneller vorwärts. Ich hoffe Sie finden Ihre Tochter so schnell es geht.« Kurz schielte Midori zu den Vorräten. »Wenn Sie noch etwas Gemüse und Fleisch, oder Fisch einkaufen könnten, wäre ich sehr dankbar.«

»Natürlich.«

Midori sah zur Tür nach draussen. »Befindet sich Yuna-chan wieder im Garten?«

Die Kanades tauschten einen Blick aus, dann zuckte Tomoya die Schultern. »Keine Ahnung. Ich habe sie nicht gesehen.«

»Okay. Ich verschwinde kurz. Eine erfolgreiche Suche wünsche ich Ihnen.«

»Danke, Omura-san.«

Mit einem Lächeln und einem Nicken verabschiedete sich Midori, trank den Rest ihres Tees aus und ging dann nach draussen zum Toilettenhäuschen. Sie sah sich um, konnte Yuna aber nicht entdecken.

Vermutlich ist sie auf der anderen Hausseite.

Sie schob das mulmige Gefühl in der Magengegend auf die Morgenübelkeit. Yuna hatte es versprochen! Während sie über der Toilette in der Hocke verharrte, hörte sie den Motor des Autos aufheulen. Sobald sie wieder beim Haus war, ging sie einmal darum herum, doch von ihrem Schützling fehlte jede Spur.

Ein japanisches SommermärchenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt