Marko
So hilflos hatte Marko sich noch nie gefühlt. Wirklich, noch nie.
Alles, was er tun konnte, war neben Finn zu liegen. Er wagte es nicht, Finn zu berühren. Der jüngere Wolfs wand sich vor Schmerz in Julias Armen. Sie strich ihm tröstend über das Fell, doch auch sie war machtlos.
Peter war dazu übergegangen, das Zelt aufzuräumen. So weit, wie möglich. Gerade zerrte er mosernd eine der Leichen raus. Eine Leiche, die es wagte, schwer zu sein. Fiete half ihm.
Zwischendurch hörte Marko Josefine schnauben. Sie klang angestrengt. Ein kurzer Blick verriet ihm, dass das Drachenmädchen mit eigenen Problemen kämpfte. Leopold hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, doch sie zeigte ihm nur wütend die spitzen Zähne und zischte unheilvoll. Der Elf seufzte, nahm die Hand aber nicht weg. Marko wand den Blick wieder ab. Vorsichtig leckte er über eine von Finns Pfoten. Sofort jaulte sein Freund.
Marko schloss die Augen. Ich kann nichts tun...
„Ach Finn...", flüsterte Julia.
Sie saßen lange so und lauschten dem Knacken von Finns Knochen, seinem Winseln. Sie sahen, wie er krampfte, sich wand, zwischendurch die Augen verdrehte. Irgendwann verließ Josefine mit leicht grünlichem Gesicht das halb noch stehende Zelt. Fiete eilte ihr nach.
Peter hingegen lenkte sich weiterhin mit Aufräumarbeiten ab. Zeternd.
Menschen, Verbündete. Freunde kamen und gingen. Julia sprach mit ihnen, doch sie weigerte sich, von Finns Seite zu weichen. Sie schickte Leopold mit einem von den vielen mit, um irgendetwas zu erledigen. Marko hörte nicht zu. Irgendwann eilte auch Cleo in das Zelt.
„Juli! Du willst wirklich mit... Oh! Okay, ja! Ich übernehme die Organsiation von allem. Und ich hole Charlotte... Fritz, Lea... Einen von ihnen!" Dann rannte Cleo wieder hinaus. „Ich mach das!", hörte er sie erneut rufen.
Finn sah inzwischen furchterregend aus. Er steckte irgendwo zwischen Mensch und Wolf fest. Blut tropfte ihm aus Nase und Ohren. Marko hielt es nicht mehr aus. Er stand auf, nahm menschliche Gestalt an, griff nach einem Stück Stoff und band es sich um die Hüfte. Als Kleidungsersatz. Aufgebracht über die eigene Unfähigkeit ballte er die Hände zu Fäusten.
„Und wir können nichts tun?", rief er aufgebracht.
„Was willst du denn machen? Meine Magie ist ermattet. Es wird ein paar Stunden dauern, mindestens, bis ich sie wieder nutzen kann", murmelte Julia. „Tage vielleicht." Sie strich Finn über das halb-menschliche Gesicht.
„Ich weiß doch auch nicht!", murrte Marko. „Warum hat er das nur getan?"
„Um mich zu beschützen", antwortete Julia. Finns Körper zitterte, er verdrehte die Augen. Sofort kniete Marko sich neben ihn.
Doch was konnte er tun? Ihn festhalten? Das tat Julia bereits. Und er wollte Finn nicht wehtun und ihm fehlten Julias sanfte Hände. Er wagte es nicht.
Finn und Julia festhalten?
Sich bei Julia verkriechen und so tun, als würde DAS ALLES nicht passieren? Bei ihr nach Hilfe suchen?
Letzteres setzte er in die Tat um, lehnte sich an Julia und seufzte. Finn sah flehend zu ihm. Zu Julia. Beide waren machtlos.
Inzwischen hatte sie Finn mehr oder weniger auf sich gezogen. Er lag zwischen ihren Beinen, sein Kopf an ihre Brust gedrückt. So blieb Finn einigermaßen ruhig, sofern ihn nicht Krämpfe quälten.
Marko schüttelte den Kopf. Ich wünschte, ich hätte seinen Mut. Wenn Julia starb, würden auch sie sterben. Doch daran hatte sein Finn niemals gedacht, als er entschied, Julia zu retten.

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Hexe - Das Königreich
FantasyKann Julia gegen ihre Mutter gewinnen? Was muss sie dafür opfern? Kann sie die beschützen, die sie liebt? Gibt es ein Happy End? Buch drei der ‚Hexe'-Bücher.) Erwachseneninhalt: Ja WICHTIG: Sexuelle Handlungen werden nicht dargestellt. Höchstens an...