4) Das Tor zur Unterwelt

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Wenn ich ihm glauben kann, hat er nicht gelogen. Ich forsche in seinem Gesicht nach Anzeichen von Wahrheit oder Lüge. Er ist so überirdisch schön, dass es nicht stimmen kann, aber andererseits hat er gesagt, er kommt aus der Unterwelt. Folglich also unterirdisch schön. Ich seufze. Dieser Weg führt kein Stück weiter.

"Und wo genau sollst du mich hinbringen?" Aber bevor er zu einer Antwort ansetzen kann, falle ich ihm ins Wort. "Sag jetzt bitte nicht, wirst du schon sehen, wenn wir da sind oder so etwas." Sein amüsiertes Schulterzucken verrät mir, dass genau dies seine Antwort gewesen wäre.

"Nein!", rufe ich frustriert. "Du machst es dir nicht so leicht! Ich folge dir, also will ich Antworten."

"Na gut!" Vor einer Art Tor aus behauenem Stein bleibt er stehen. "Wir sind gleich da. Es ist wohl nur rechtens, wenn ich dich auf das vorbereite, was du gleich sehen wirst."

Ich nicke und stemme die Hände in die Hüfte.

"Ich bringe dich zu dem Fürsten der Finsternis. Meinem Vater", setzt er nach und berührt in einer komplizierten Abfolge einige seltsame, in die Oberfläche hineingeritzte Symbole. Sich windende Schlangen, geflügelte Drachen, zähnebleckende Bestien, verschlungene Bäume und Zeichen, die mir gänzlich fremd sind.

"Was ist das?"

"Das Tor zur Unterwelt", erklärt er und nachdem er inne hält, leuchten einige der Zeichnungen für einen kurzen Moment auf. Ich spüre einen kalten Luftzug und kurz darauf schiebt sich das Tor wie von Zauberhand zur Seite und gewährt uns Einlass. Ich werfe einen skeptischen Blick hindurch. Tiefblau wabernde Nebelschwaden, dasselbe ominöse Licht, das es hier eigentlich nicht geben dürfte. Einladend sieht anders aus, aber auch wenn es gegen jeden Funken des Verstandes spricht, zieht mich an, was ich sehe.

"Das ist die Unterwelt?", frage ich, "und dein Vater regiert hier?"

"Genau."

"Wenigstens eine Fußmatte hätte er vor seine Haustür legen können", scherze ich. "Sehr einladend sieht es wirklich nicht aus."

Inzwischen bin ich sicher, dass ich träumen muss. Einer dieser Träume, in denen man seine Worte und seine Schritte steuern kann. In denen man willentlich lenken kann, was passiert. Mir kann also gar nichts geschehen und ich darf getrost meiner Neugier folgen. Galant breitet Aljan die Arme aus und heißt mich in einer einladenden Geste willkommen. "Tritt ein und überzeuge dich vom Gegenteil. Wider aller Vorurteile sind wir wirklich sehr gastfreundlich. Dir wird es an nichts fehlen und ich werde dir helfen, wo ich kann."

"Na dann!" Ich lache sogar und mache einen Schritt. Der wabernde Nebel umfängt mich, wie ein Wachhund einen Besucher beschnuppern und begrüßen würde. Ich strecke die Hände aus und meine Finger teilen die Schwaden in zwei Hälften.

"Keine Sorge, das ist nicht gefährlich", beruhigt mich Aljan.

"Ich mache mir keine Sorgen", flöte ich und betrachte fasziniert das Spiel meiner Finger. Ein wenig erinnert es mich an Muster in Badeschaum, nur dass diese hier rund um mich herum fluten. "Es ist doch schön".

Völlig sorglos folge ich ihm tiefer in den Nebel. Die Farben verändern sich. Aus dem tiefschwarzen Blau wird ein leuchtendes Rot. Während der blaue Nebel kalt und einladend wirkte, verströmt der rote Dunst eine unterschwellige Warnung. Gefahr, versucht er zu sagen, Macht, Feuer und spiel hier nicht weiter. Aber ich ignoriere die Worte in meinem Inneren. Das ist mein Traum und ich will ihn nach meinen Regeln auskosten. Der Morgen wird schon früh genug anbrechen und mit ihm, ein Kater, der sich gewaschen hat. Ich genieße, solange ich kann.

"Vater!" Mein Begleiter räuspert sich.

Eine Gestalt löst sich aus dem tiefen Rot. "Aljan, mein Sohn, da bist du ja endlich und wie ich sehe, hast du deinen Auftrag ausgeführt." Die Stimme klingt schneidend, mächtig, befehlsgewohnt, uralt und kraftvoll.

"Wie du mir befohlen hast. Hier ist sie." Er fasst nach meiner Schulter und schiebt mich ein Stück nach vorne. "Dalerana Jordbarn, mein Vater, Fürst Tenebris, Herr über die Finsternis."

Für einen kurzen Augenblick überlege ich, dann folge ich meinem Impuls und vollführe einen Knicks. Der Fürst lacht. Es klingt wie ein Widerhall des Lachens seines Sohnes, tief und kehlig. Der Laut wird von den Wänden zurückgeworfen, laut und mächtig. Unheimlich.

Die Verwandtschaft der beiden kann keiner leugnen, auch wenn ich meinen Gastgeber noch nicht gesehen habe. Er macht ein paar Schritte auf mich zu und löst sich aus dem Nebel. Eine knorrige Hand, mit langen beringten Fingern streckt sich aus, greift mein Kinn und hebt meinen Kopf.

Seine Haare sind dünn, aber lang und schlohweiß, die Augen rot und die Lippen blass. Eingefallene Haut zieht sich fahl und rissig über seine Gesichtszüge, während Aljan wie das blühende Leben wirkt, erinnert er an den sterbenden Tod.

Brennende Feuer - Dunkle SchattenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt