Kapitel 6 - Wieder Zuhause

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Bis nach Hause brauchten sie rund zwei Stunden und in dieser Zeit hatte Louis bestimmt 200 Mal auf sein Handy gesehen. Nicht, dass er eine Nachricht oder einen Anruf verpasste. Das ginge natürlich gar nicht. Vielleicht musste Harry aber auch erst arbeiten? Gab ja alle möglichen Leute, die auch Sonntags ran mussten. Oder er hatte vielleicht eine Oma oder so, um die er sich kümmerte? Da würde Louis natürlich nicht stören wollen. Oder vielleicht traf sich Harry auch mit einem guten Freund? Also er hatte ja bisher auch ein Leben gehabt und vielleicht war er eben einfach beschäftigt.
Louis sollte sich gedulden. Er konnte ja schließlich auch nicht immer und tat .. Dinge. Er hatte ja auch nicht die ganze Zeit Zeit aufs Handy zu gucken. Also doch. Im Zug schon. Denn Stan war sobald er gesessen hatte, wieder eingeschlafen. Aber immerhin hatte er sie vorher noch zum richtigen Gleis und in den richtigen Zug gebracht. An der richtigen Haltestelle auszusteigen würde Louis schon organisiert kriegen. Also alle Sachen mitnehmen. Und Stan auch nicht vergessen.
Das hatte tatsächlich auch geklappt, sodass er inzwischen vor dem Haus auf dem Parkplatz stand. Kaum zu glauben. Zwei Stunden. Und dazwischen lagen Welten.

Louis trollte sich einfach, möglichst ungesehen in sein Zimmer. Er war ein bisschen müde und wollte nicht gleich eine Liste mit allem möglichen Kram drauf zu tun bekommen. Aber wenn er einschlafen würde, könnte er Harrys möglichen Anruf verpassen. Er könnte das Handy ganz laut stellen. Aber es bestand natürlich immer die Möglichkeit das zu verpassen. Immerhin konnte er den Akku jetzt nebenbei aufladen.

Unschlüssig lag er auf dem Bett herum und machte einfach nichts. Also außer zu warten und an die Decke zu sehen natürlich.

"Hey, Louis. Kannst du nachher nochmal aushelfen? Heute ist echt der Bär los.", streckte seine Mutter den Kopf irgendwann ins Zimmer.
"Ja, kann ich machen.", seufzte Louis. Seine Eltern waren sowas wie die Großunternehmer der Orts. Sie hatten ein winziges Lebensmittelgeschäft und eine Gaststätte. Als Kind in diesem Haus musste man mit ran. Das war einfach so und letztlich würde das Louis zumindest davon abhalten, möglicherweise den Rest seines Lebens auf eine Nachricht zu warten. Es hielt ihn oft von allen Möglichen ab. Am Samstag ausschlafen, zum Beispiel. Gut war, dass seine Eltern immer sagten, dass wer arbeitete, auch soz bezahlt werden musste. Daher war Louis, wie er selbst fand, für sein Alter ziemlich flüssig.

"Wie war denn dein Abend? Du bist in der Nacht nicht zurück gekommen. Geht es dir gut?", fragte seine Mum dann doch noch und lehnte am Türrahmen.
"Ja, es ist alles okay. Hab bei Stan gepennt."
"Hast du getrunken? Du weißt, dass deine Leber-"
"Länger braucht als andere und es mir beschissener geht. Ja, Mum. Hab fast nichts getrunken. Wie immer.", ratterte Louis brav herunter und sah nebenbei auf sein Handy. Sein Herz machte einen Hüpfer. Eine neue Nachricht!
Schade. Nur irgendein Meme in der Fußballgruppe.

Als Neugeborenes hatte Louis ganz schlechte Leberwerte gehabt. Und die Ärzte hatten seiner Mutter damals gesagt, dass die sich nie so ganz erholen könnten und er daher eben besser aufpassen müsste, als andere. Vielleicht gab es medizinisch inzwischen ganz andere Erkenntnisse oder so. Louis wusste es nicht. Er verließ sich auf die Infos von vor 19 Jahren und trank ja ohnehin nicht viel.

"Also bist du okay?", fragte Johanna mit gerunzelter Stirn, als Louis schon wieder aufs Handy sah.
"Ja. Alles gut. Kann ich erst noch was essen oder soll ich direkt runter?"
"Nein, mach in Ruhe. Danke, mein Großer."
Louis winkte ab. Seine Mutter und auch sein Vater arbeiteten immer. Er hatte seinen Eltern Mal einen Wochenendausflug geschenkt und hatte alles alleine übernommen. Er hätte danach eigentlich eine Delfintherapie nötig gehabt. Oder zumindest irgendwas mit Klangschalen.
Sein Vater arbeitete zusätzlich zu allem hier in einem Restaurant im Nachbardorf als Koch. Seit die Ferienwohnungen nicht mehr liefen machte er das. Wenn er dann nach Hause kam, stand er noch mit im Laden oder konnte direkt die Gaststätte aufmachen. Und obwohl sie so viel machten, war es nicht so, als wären sie auf Rosen gebettet wie offenbar alle immer meinten. Zum Beispiel glaubten immer alle, es sei neutal, wenn er sich im Laden was nahm. War es nicht. Die Kasse musste schließlich stimmen .

-

"Hey, na wie geht's?", fragte Stan und setzte sich an die Theke.
Louis schmiss die Bar gerade noch allein. Sein Vater musste noch duschen. Aber hey. Hier gab es keine trendy Longdrinks oder so. Hier gab es hauptsächlich Bier, alkoholfreie Getränke und Kräuterschnaps. Was anderes tranken die hier eh nicht und das bekam Louis super hin.

Er hatte den Nachmittag über im Laden geholfen und gefühlt alle fünf Minuten auf sein Handy geguckt. Aber nichts. Nichts. Nichts. Und wieder nichts. Also doch. Natürlich. Er bekam Nachrichten und irgendwelche Appinfos und sowas. Aber..  keine Nachricht und keinen Anruf von einer ihm unbekannten Nummer.

"Gut. Und selbst?", fragte Louis und zapfte Bier. Dafür dass er es nicht wirklich trank, konnte er sehr gut damit umgehen, fand er. Er schaffte immer perfekten Kronen. Egal, ob für Pils oder Helles.

"Haste was von den anderen gehört?", fragte Stan weiter ohne zu antworten.
"Nein. Du?"
"Ja. Die sind alle in der Nacht zurück gefahren. Und haben etwas ganz verrücktes gesehen. Wahrscheinlich waren die alle besoffen.", winkte Stan ab, trank einen Schluck von seiner Hopfenkaltschale und schüttelte wohl vor Unglaube den Kopf.
"Was denn? Geister der, auf der Strecke von, beim Warten auf die Bahn, Verstorbenen?", witzelte Louis.
"Nein. Du mit einem halbnackten Mann tanzend.", lachte Stan und guckte gleichzeitig sehr prüfend.

Wumms. Da drückte Louis das Glas zum Spülen ein bisschen doll aus den Pömpel und war prompt halb geduscht. Scheiße! Was jetzt? Lügen? Wäre das eine Notlüge? Wo würde die hin führen? Was passierte, wenn er die Wahrheit sagen würde?

"Das ist gut möglich.", sprach er seltsam ruhig, noch bevor er sich entschieden hatte, was er sagen sollte.
"Echt jetzt?!"
"Ja. Und?", fragte Louis und betete, dass er nicht rot wurde, sondern möglichst abgeklärt klang.

"Äh..."
"Ach komm. Wir haben auch schon getanzt."
"Ja besoffen.", schnaubte Stan.
"Ja?"
"Oh! Du hast getrunken?!"
"Ja. Und er hat mich bei sich pennen lassen. Und?", fragte Louis. Die ganze Geschichte wollte er noch mit niemandem teilen. Das sollte erstmal noch nur seine sein. Vielleicht könnten er und Harry sie Stan irgendwann zusammen erzählen?

Tja, können sie?
Schauen wir Mal.
Bis dann.
Viele Grüße ^⁠_⁠^






Innocent - Wird fortgeführt auf StorybanWo Geschichten leben. Entdecke jetzt