Kapitel 15 - Ausreden

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Louis' Eltern waren nicht sauer und auch nicht super sauer. Oh nein. Auf einer Skala von eins bis zehn dürften sie so bei hundert sein.
Zum einen hatten sie sich eben große Sorgen um Louis gemacht. Es war das zweite Mal, dass er überhaupt in die große Stadt fuhr und ihrem Sohn sah das überhaupt nicht ähnlich sich nicht zu melden. Bisweilen hatten sie ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil er immer sehr verantwortungsbewusst war, immer den Laden und den Pub auf dem Schirm hatte und ein Pflichtbewusstsein an den Tag legte, welches drei seiner Kumpel zusammen nicht aufwiegen könnten. Einfach, weil sie ihn eben von klein auf mit einbezogen hatten. Vielleicht zu viel? Immer sagten alle, Louis sei ein "guter Junge". Und das war er. Die Partys nahm er als Ort sozialer Interaktion mit seinen Freunden wahr. Aber er hegte selbst kein großes Interesse an der Sache an sich. Niemals war er betrunken oder sonst was. Und dann meldete er sich den ganzen Tag nicht. Was neben der Sorge, die natürlich im Vordergrund stand, noch eine andere Emotion auf den Plan rief: Wut.
Heute hatten doch ewig immer alle ihr Handy beim Wickel. War es da wirklich so schwer, sich einmal zu melden? Nur eine knappe Nachricht? Selbst wenn man in Gesellschaft war?

"Hey. Es tut mir leid. Das ist alles meine Schuld gewesen.", platzte Stan spät am Abend ins Wohnzimmer.
Louis humpelte leicht beim Hinterherkommen.

"Was ist passiert?", fragte Johannah sofort erschrocken und ihre Sorgen dehnten sich so sehr aus, dass für Wut fast kein Platz mehr war.

"Er hat ein nettes Mädchen kennengelernt. Anständiges Mädchen. Immer brav. Nette Familie. Gute Noten. Ohne Kontakt zu ill- egal. Jedenfalls ist er gestern mit zu ihr und hat seine Jacke liegen gelassen. Da war sein Handy drin. Ich hab heute ewig gebraucht, um es zu finden. Hab auch ständig angerufen und geschrieben und -"
"Wieso humpelst du?", fragte Johannah Louis. Ihr Kopf lief gerade über. Ihr Sohn traf sich in der Stadt mit einem Mädchen, um ... Nun ja, das also zu machen? Woher kannte er die denn? Durfte man als Eltern sowas fragen? War ja immer schwer mit der Neugier und der Sorge auf der einen Seite und dem Wunsch des Kindes, nichts Preis zu geben auf der anderen Seite. Besonders, wenn die dann angetrunken waren, alles heulend nachts um drei erzählten und man nur die Hälfte verstand und dann erstmal alles zusammensetzen musste, weil man vorher ja auf gar keinen Fall drüber reden konnte. Solche Eskapaden hatten sie bisher aber nur mit Lotti. Louis war immer lieb.

"Äh.... Ich bin... Doof gestolpert.. geht morgen bestimmt wieder." Na klar...
"War alles okay gestern?"
"Ja?"
"Es ist ganz schön kalt. Wie konntest du da deine Jacke vergessen?"
"Äh... Ich... Hatte aus Versehen Stans gegriffen und angezogen."
"Ja. Er hatte wohl nur noch Augen für das Mädchen. Ich musste heute seine anziehen und hatte bauchfrei an. Das saß wie Wurst in Pelle."
"Ah ja... Und das liebe Mädchen hat dir dann wohl den Hals verziert?", fragte Johannah und zeigte sehr offen, dass sie... Ausgesprochen skeptisch war.

"Ja... Es war... Es ist mir peinlich darüber zu reden. Okay?", fragte Louis. Hey, immerhin war das nicht gelogen.

Johannah ging davon aus, dass etwas viel schlimmeres passiert war. Sie war doch auch nicht von vorgestern. Und während ihr Mann gerade veräußerte, dass alles okay wäre, Louis nur die Nummer ja auswendig kenne und das liebe Mädchen bestimmt auch ein Handy gehabt habe, wollte Johanna es wissen. Das Schlimmste..

"Louis?", unterbrach sie dessen Gestammel, weil er sich wohl auf eine Ausrede bezüglich eines möglichen Anrufs von einem anderen mobilen Endgerät keine Gedanken gemacht hatte.

"Ja?"
"Hast du geraucht? Ich möchte das wirklich gern wissen. Du weißt: Onkel Anthony ist an Lungenkrebs gestorben."
"Nein. Mum. Nein, ich habe nicht geraucht.", sprach Louis und war sehr stolz, dass er das aufrichtig verneinen konnte. Immerhin hatte Harry ihm Shots gegeben. Also hatte er ja nicht aktiv dran gezogen und damit nicht selbst geraucht. Und außerdem war das Gras gewesen. Kein Nikotin. Ach, er war einfach ein Engel.

"Aber-", setzte Johannah an.
"Lass es, Schatz. Wenn er was erzählen will, dann wird er das machen und wenn nicht, dann hilft das Geprokel auch nichts. Wenn du reden willst, wir sind da.", richtete sich Mark mit dem letzten Satz an seinen Sohn.
"Danke, Papa.", seufzte Louis erleichtert. Mark war kein Mann der vielen Worte. Aber wenn er dann Mal was sagte, war es immer das Richtige.

"Den Plan für die kommende Woche haben wir jetzt eben ohne dich gemacht. Deiner liegt auf dem Esstisch. Wenn du tauschen willst, musst du wen zum Tauschen finden. Ansonsten kein Gemecker.", kams dann noch von Mark.
"Okay. Ich gehe dann in mein Zimmer... und nehme Stan noch kurz mit..."
"Okay. Und ne Dusche täte gut."
"Ja... Danke..."

Schnell flohen Louis und Stan in Louis' Zimmer.

"Ach, ich glaube, sie haben uns geglaubt.", grinste Stan.
"Kein Wort...", murmelte Louis und dann machte sein Herz einen Hüpfer.
Harry hatte ihn doch gestern angeschrieben. Das hieß, er hatte jetzt Harrys Nummer. Er hatte Harrys Nummer!

"Wieso grinst du so?", fragte Stan skeptisch.
"Ich hab jetzt Harrys Nummer."
"Vergiss es! Blockier den! Sag Mal, hat der dir das Hirn raus gevögelt oder was?! Lou, ernsthaft. Der Typ ist gefährlich. Und böse. Und du solltest echt nicht - oh nein! Du verknallst dich nicht in so einen!", zischte Stan.
"Zu-"
"Sprichs nicht aus! Wir werden es dir austreiben! - Äh! Nicht so, wie du denkst!"
"Was?!"
"Oh scheiße! Was hast du denn gedacht?! Vielleicht doch das. Also: wir beide, wir gehen morgen zum Gänseessen und den christlichen Landfrauen. - Guck nicht so. Was anderes ist halt morgen nicht. Wir bringen dich auf andere Gedanken und dann wird das. Aber Louis: der Typ ist gefährlich. Und böse und schlecht für dich. Der braucht eine Suchtberatung und keinen... Naja..  dich halt."
"Er ist Dunkelheit...", wiederholte Louis Harrys Worte.
"Ja und du bist Licht. Passt nicht."
"Oh, aber das Licht-"
"Das ist ne Metapher, du Honk. Du solltest das jetzt nicht durchanalysieren."
"Tschuldigung."
"Also: wirst du dem Typen schreiben?"
"Nein...", sprach Louis und Stan glaubte ihm wohl genau so wenig wie seine Eltern.

Tja. Ab zum Gänseessen mit den christlichen Landfrauen. Ob das andere Gedanken bringt?

Innocent - Wird fortgeführt auf StorybanWo Geschichten leben. Entdecke jetzt