Kapitel 7 - Ein guter Freund

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Die Zeit zog sich, wie das Schlüpfergummi im Wind beim Wäschetrocknen bei Tante Renate gegenüber. War sie eigentlich echt eine Tante? Also im familiären Sinne? Louis hatte keine Ahnung. Alle nannten sie Tante Renate. Vermutlich waren sie alle miteinander verwandt. Alles ging zurück auf Tante Renate. Quasi die Eva des Kuhkaffs hier.

Louis beobachtete, wie die Schlüppis, die wohl von den Achseln bis zu den Knöcheln alles warm halten konnten, sich im Winde wiegten. Es war heute ziemlich stürmisch. Ganz schön mutig, da Wäsche aufzuhängen. Louis hatte gesehen, dass sie plötzlich wenig stolze  Besitzer eines kaputten Gartenstuhls waren, der bis vorhin noch bei den Nachbarn gestanden hatte.

Seit der Nacht war nun eine ganze Woche vergangen. Am Anfang hatte Louis sich weigern wollen zu schlafen, um ja keinen Anruf zu verpassen. Er war froh, dass er irgendwann, mit seinem Handy in der Hand, eingeschlafen war. Ansonsten würde er vermutlich inzwischen aussehen, wie ein Pandabär.

Seine Eltern hatten ihm irgendwann sogar Handyverbot im Betrieb erteilt, weil er ständig zwischendurch drauf gesehen hatte.
Er hatte echt daran gezweifelt, ob das alles wirklich passiert war. Oder ob er sich das alles eingebildet oder geträumt hatte oder sonst was. Vielleicht war er entführt und unter Drogen gesetzt worden, die ihn das alles dann halluzinieren lassen hatten.

Aber... Louis wusste noch genau, wie sich die Berührungen angefühlt hatten. Wie es sich angefühlt hatte, als er in ihm gewesen war. Er hatte unter der Dusche mit seinen Fingern versucht, das gleiche Gefühl zu erzeugen. Aber es klappte nicht so richtig. Zum einen war es eben ganz ganz anders, wenn ein anderer einen dort berührte. Und dann war Harry irgendwie bestimmter gewesen oder sowas. Nachdrücklicher? Keine Ahnung. Sein Penis war auf jedenfall größer gewesen als Louis' Finger.

Er hatte sich dabei erwischt, sich einen Dildo zulegen zu wollen. Aber da gab es verschiedene Probleme. Zum einen gab es hier in der Gegend keinen Shop und da würde er sich ja sowieso nicht rein trauen. Also blieb nur ein Online-Shop. Aber die verschickten ihre Ware und er hatte unglaublich viel Schiss, dass seine Mutter das Paket annehmen und im Affekt, weil sonst nie was für Louis kam, öffnen würde. Das wäre ihm viel zu peinlich. Da half es wenig, wenn so etwas in diskreten Kartons verschickt wurde.

Jedenfalls hatte die Nacht stattgefunden. Ganz in echt und in Farbe. Und Harry hatte sich nicht gemeldet. Das war leider auch eine Tatsache, die Louis sich nicht schön reden konnte. Erst hatte er darüber nachgedacht, ob er zu unleserlich geschrieben hatte. Aber er wusste genau, dass er in seiner besten Sonntagsschönschrift geschrieben hatte. Vermutlich lag sein Zettel mit in der Schublade. Bei all den anderen. War es peinlich, zuzugeben, dass er deswegen die eine oder andere Träne vergossen hatte? Nur, wenn es niemand mitbekommen hatte. Und es war ihm auch fürchterlich peinlich. Immerhin wusste er ja, was ein One Night stand war. Von Freunden und aus dem Fernsehen und so. Offensichtlich hatte er genau so etwas gehabt. Aber..  niemand hatte ihm erzählt, oder in den Filmen und Serien dramaturgisch näher gebracht, wie leer so etwas für ihn sein würde. Also nicht in dem Moment, aber eben so im Nachhinein. Wenn man dann wieder allein war... Oder ging das wirklich nur ihm so?
Vielleicht...

Nein, es ging nicht nur ihm so. Sondern Stan auch. Der war von fester Überzeugung, die tollste Nacht mit der tollsten Frau erlebt zu haben. Dann hatte sie sich nicht gemeldet und Stan hatte sie böse verflucht. Und jetzt? Litt der Typ wie ein Hund. Seltsame Phasen waren das. Louis bemühte sich, ihm ein guter Freund zu sein und hörte sich all das Geblubber auch noch ein zehntes mal an. Aber groß helfen konnte er ihm ja nun auch nicht.
Immerhin hatten die gegenseitig Nummern ausgetauscht und nicht wie Louis und... Harry.
Dadurch hatte Stan seiner Wochenend-Liebschaft schreiben können. Also theoretisch. Praktisch hatte er ewig bei Louis herum gehangen und darüber gegrübelt, was er ihr schreiben sollte. Und wie? Und nach welcher Anzahl von Tagen.
Seither hatte Louis von der Front nichts mehr gehört. Ob Stan Erfolg haben würde?

Müde blickte Louis auf die Uhr. Noch eine Stunde. Dann würde er wieder im Pub helfen. Er hatte ja nichts besseres vor...

Er hatte überlegt, ob er das Ganze mit einem anderen Jungen wiederholen sollte. Vielleicht war Harry gar nichts besonderes. Und hatte ihm nur gezeigt, was es für Möglichkeiten gab. Vielleicht wäre es mit einem anderen sogar besser. Das Problem dabei war, dass solche anderen nicht an Bäumen wuchsen. Hier im Ort kannte Louis niemanden, der auch an Männern interessiert war. Es gab da eine Erzieherin mit kurzen Haaren und tätowierten Delfinen, die nie verheiratet gewesen war. Gerüchten zu Folge war sie an Frauen interessiert. Aber darüber wurde nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt.

-

"Louis, ich brauche deine Hilfe, Mann.", sprach Stan zwei Stunden später zur Begrüßung.
"Hi. Was gibt's? Müssen wir wen verbuddeln? Brauchen wir noch ne Säge oder Müllbeutel?", fragte Louis. Er wollte nicht, dass man ihm anmerkte, dass er viel grübelte.

"Beim nächsten Mal wieder. Nein, ich brauche dich nächstes Wochenende."
"Wofür?"
"Wir müssen nach London."
"Was? Wieso?"
"Sie hat sich gemeldet und will mich auch Wiedersehen.", grinste Stan triumphierend.
"Äh... Schön... Und was soll ich in London?", fragte Louis.
"Naja.... Also...", druckste Stan herum.
"Jetzt hau raus."
"Ich hab ganz vielleicht meinen Eltern gesagt, dass ich dich begleite... Ich brauche doch Geld fürs Ticket. Und wenn ich wen begleite, als Freundschaftsdienst, dann unterstützen sie das..."
"Äh... Das ist eine ziemlich beschissene Aktion von dir als Kumpel. Das weißt du?", fragte Louis.
"Ja... Kommst du mit? Bitte?"
"Ja...", gab Louis nach. Er gab immer nach. Selbst, wenn er mit den Zähnen knirschte. Das wussten sie beide.

Stans und Louis' Eltern mochten sich. Davon ab, bemerkte man hier, wenn jemand übers Wochenende weg war. Wäre Louis also zu Hause würden Stans Eltern das sofort mitbekommen. Also musste Louis tatsächlich mit.

-

Er hatte einfach ein bisschen in die Stadt gehen wollen. Vielleicht könnte er sich einen Pullover kaufen. Oder Salbeihonig. Für die nächste Erkältung. Louis mochte Salbeihonig. Gab es ja in Drogerie..

Und so stand er, am Samstag eine Woche später, plötzlich wieder vor der Tür. Sie war da. Das ganze Haus war da. Louis stand vor der Haustür, die Harry aufgeschlossen hatte. Durch die er hindurch gegangen war, in der Erwartung, massiert zu werden. Er hatte so viel mehr bekommen...

Und so stand er da. Zu ängstlich zum Klingeln und zu sehr nach oben wollend, um wieder gehen zu können.

Tja, zumindest bis zur Tür hat er es schonmal geschafft 😅. Ist ja auch was wert.
Bis dann
Viele Grüße ^⁠_⁠^

Innocent - Wird fortgeführt auf StorybanWo Geschichten leben. Entdecke jetzt