Kapitel 14 - Stan

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Louis hatte mit sich gerungen. Die komplette zweistündige Zugfahrt lang. Was machen? Schlussendlich hatte er sich entschieden, dass er niemanden beunruhigen wollte. Er würde die Wahrheit also ein wenig... An sein Seelenheil und dadurch auch das der anderen anpassen.
Er würde behaupten, er wäre bei einem netten Typen gewesen. Den er vom Geburtstagswochenende gekannt hätte und bei dem er da schon geschlafen habe. Niall hieße der. Und bei dem hätte er Kürbissuppe gegessen. Und der wäre voll nett.
Und da wäre er gestern auch gewesenen. Und dann wäre in den frühen Morgenstunden eine Nachbarin im Flur umgekippt und dann hätten sie den Krankenwagen gerufen, sich um die Kinder gekümmert und dann wäre es plötzlich Abend gewesen... Und weil Niall sie ausgesperrt hatte und sein Handy in der Wohnung gewesen wäre, hätte er keine Möglichkeit gehabt, sich zu melden. Erst am Abend, als der Schlüsseldienst da war. Okay. Die Geschichte hatte Lücken. Aber was wäre denn eine gute Alternative? Ihm fiel nichts ein.

Während er sich noch ein paar Details zurecht legte, kamen sie an. Ein stinksaurer Stan stand zwischen den einzigen beiden Gleisen.

"Hi. Sorry, ich-"
"Scheiße, was hast du denn gemacht?! Was zum Teufel ist denn mit deinem Hals passiert?!", fragte Stan aufgebracht.
"Äh..." Scheiße. Kinderbetreuung als Ausrede konnte er jetzt Mal sowas von knicken. Ihm fiel dummerweise auch so schnell nichts anderes ein.

Stan packte Louis an der Schulter und zog ihn mit sich, bis sie im Auto von Stans Eltern saßen. Den Führerschein hatten sie beide. Eigene Autos nicht.

"Was ist passiert?!", fragte Stan viel zu laut.
Louis hielt sich den Kopf. Der sollte nicht schreien.
"Ähm... Es ist einfach keine gute Geschichte, weißt du? Ich glaube nicht, dass du das-"
"Oh doch. Und wie ich das wissen will. Hau raus. Jetzt."
"Und dann?", fragte Louis kleinlaut.
"Dann überlegen wir zusammen, was wir deinen Eltern erzählen?", fragte Stan seufzend und da konnte Louis nichts mehr ausdenken. Also begann er stockend zu erzählen.

-

"Okay. Wir brauchen einen Anwalt. Einen guten. Du musst den Anzeigen, Louis. Ich stehe voll hinter dir. Ich hätte dich nicht allein lassen dürfen. Scheiße, Kumpel, es tut mir leid. Nur wegen meinem Date... Okay, Pass auf... Wir brauchen einen Anwalt und noch einen Arzt. Am besten wir-", begann Stan nachdem er noch zehn Minuten fassungslos einfach durch die Frontscheibe gestarrt hatte.

"Stan?", piepste Louis und hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen.
"Was denn?"
"Ich... Ich will ihn doch gar nicht anzeigen..."
"Natürlich willst du- WAS?!"
"Ich..." Genau vor dieser Situation hatte er so unendlich viel Angst gehabt.

"Nochmal zum Mitschreiben: dieser Typ, schleppt dich ungefragt zu einer Sexparty, er jubelt dir irgendwelche Drogen unter und macht mit dir da sonst was und du willst den nicht anzeigen?! Hat er dir eben nochmal was gegeben? Oder sind das Nachwirkungen?!", regte Stan sich auf.

Louis wollte etwas dazu sagen. Aber er glaubte nicht, dass er irgendwas zu erzählen hätte, was Stan auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte. Louis wusste, dass, wenn es nicht um ihn gehen würde, er das genau so handhaben würde wie Stan. Gut. Sehr viel vorsichtiger formuliert und nicht so fordernd und so. Aber das war ja eher eine Frage des Naturells. Trotzdem: Louis wusste, dass jeder Mensch Stans Perspektive würde nachvollziehen können. Aber die Wenigsten seine. Und dass er das im Grunde auch nicht erklären konnte.

"Du wolltest mir helfen wegen meinen Eltern.", murmelte er also einfach kleinlaut.
"Wie geht's dir?", fragte Stan seufzend.
"Nicht so gut..."
"Gut. Hast du verdient. Was spezielles?"
"Mein Bauch... Mein Mund und mein Po..", haspelte Louis.
"Die... Äh... Die Backen? Hat er dich.. hat er dich geschlagen?!"
"Nein... Der... Ähm... Der Eingang...", stammelte Louis und hoffte nie wieder ein derartiges Gespräch führen zu müssen.
"Naja, schätze, so lange du das als EINgang betrachtest, kann es wohl vorkommen, dass das weh tut.", sprach Stan reichlich desillusioniert zur Frontscheibe.

Louis war knallrot und traute sich jetzt nichts mehr zu sagen.

"Eigentlich denke ich, dass deine Eltern das wissen sollten. Sie sollten dich über Drogen und Geschlechtskrankheiten aufklären. Wieso bin ich denn jetzt der Vernünftige von uns?!", regte Stan sich auf.
"Es tut mir leid...", stammelte Louis.
"Okay... Also... Wir erzählen, dass du ein nettes Mädel kennengelernt hast - oder willst du sagen, dass du-"
"Ich weiß nicht, was ich... Also... Ich... Keine Ahnung.. wir können ruhig sagen, dass ein Mädchen...", stammelte Louis und überlegte, ob er dieses Gespräch noch schlimmer als das Runterkommen fand.

"Okay. Also du hast ein Mädchen kennengelernt. Ihr hattet was und du hast deine Jacke gestern bei meinem Date liegen gelassen. Deswegen war dein Handy weg. Dadurch konnten wir uns ewig nicht erreichen und du dich nicht zu Hause melden. Eigentlich waren wir verabredet, aber ich bin nicht gekommen."
"Dann bist du der Schuldige.", stellte Louis überrascht fest.
"Ja. Das beruhigt mein schlechtes Gewissen, weil ich dich gestern allein gelassen habe."
"Wir sind gleich alt. Weißt du? Du musst nicht auf mich aufpassen."
"Lass doch bitte die vergangenen 36 Stunden Revue passieren und überdenk dann deine Aussage nochmal."
"Oh..."
"Also los...", murmelte Stan und startete den Wagen.

"Stan... sind wir okay miteinander?", fragte Louis zaghaft. Es war so unendlich deutlich, dass Stan sauer war. Und Louis mochte das gar nicht. Er war auch ohne Drogen mit jeglicher Form von Disharmonie absolut überfordert.

"Ja. Aber ich verstehe nicht, was da für ne Gehirnwäsche abgelaufen ist. Ich meine... Das bist du! Du trinkst nicht Mal Alkohol. Und du hast nie Sex und das stört dich auch nicht. Und jetzt sowas? Und ich meine... Es ist einfach so unendlich unvernünftig. Wäre wer Zuverlässiges dabei gewesen... Könnte ich das immer noch nicht verstehen. Aber zumindest irgendwie... Abnicken. Aber so..  der Typ hätte sonst was mit dir machen können... Hat er auch. Aber noch schlimmer. Und dann wärst du in nem Leichenschauhaus wieder wach geworden."
"Ähm... Ich glaube du meinst, dass ich eben die Augen nicht mehr aufgemacht hätte?"
"Ja. Du weißt, was ich meine. Also: gibt es Irgendwas, was du zu deiner Verteidigung vorbringen kannst?"
"Nichts, was du akzeptieren könntest."
"Probier es Mal."
"Ich mag Harry..."
"Okay. Hast Recht. Halt besser die Klappe."

Na, das hat ja nicht so gut geklappt.
Bis dann.
Viele Grüße ^⁠_⁠^

InnocentWo Geschichten leben. Entdecke jetzt