Kapitel 38 - Herz und Kopf

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Harry guckte wie ein Auto. Nur nicht so schnell. Der Typ, den er noch immer zwischen sich und der Wand eingeklemmt herum hängen hatte, wirkte hingegen nur genervt von der Unterbrechung.

"Tja, wir gehen dann Mal. Tschüss", sprach Louis, ging an Harry und dem Typen vorbei und die ersten Stufen hinunter.

Niall folgte ihm. Seltsamerweise ohne ein einziges Wort.

Louis drehte sich nicht nochmal um. Er hielt sich selbst davon ab. Auch wenn das irgendwie schwer fiel.

"Hey... Ähm... Alles okay?", fragte Niall etwas geknickt, sobald sie draußen waren.
"Ja... Ich weiß wie er ist... Und... Ich weiß, dass ich auf ihn nicht angewiesen bin... Also ist es okay, schätze ich.", überlegte Louis, als sie die Straße entlang gingen.
Niall sah ihn nur an. Das wirkte mal sowas von gar nicht glaubhaft...

"Ich meine... Man kann Menschen nicht ändern. Harry wird sich nicht ändern. Nicht für mich und nicht für den Kerl da eben. Leonard hatte Recht: man weiß, was man von ihm erwarten kann und alles andere sollte man nicht mit zu ihm nehmen...", murmelte Louis vor sich hin.
Niall betrachtete ihn von der Seite. Süß. Wie Louis das so abgeklärt sagte, aber doch gleichzeitig so offensichtlich war, dass so etwas eben längst nicht so einfach in die Tat umzusetzen war. Der Kopf ließ sich leicht überzeugen. Man konnte gewisse Gedankengänge hinein prügeln. Binge-Learning funktionierte doch nur deshalb. Der Kopf, war nicht das Problem. Aber da gab es noch das Herz. Und das war, zumindest in Louis' Fall, ausgesprochen treu und dabei noch störrisch.

Louis wusste, dass er auf Harry nicht angewiesen war, weil sein Kopf das wusste. Er könnte sich einen sehr viel netteren Menschen suchen und so viele erste Erfahrungen mit diesem sammeln, wie er wollte. Er könnte mit diesem anderen Menschen zusammen Spaß haben und wüsste, dass er für diesen anderen Menschen genau so besonders wäre wie der für ihn. - Ach nee, das war ja das Problem. Louis' Herz wollte Harry. Hatte offensichtlich eine Art kranken Spaß an dem "Ich fühle was, was du nicht fühlst"-Spiel.

"Ja, alle wissen, was sie von ihm erwarten können. Und dann passieren so Sachen..."
"Was für Sachen?"
"Er ist anders bei dir irgendwie, okay?"
"Hä? Wie?"
"Naja. Anders eben."
"Ein Beispiel bitte?"
"Ach... Letztens... Ich hab erschreckend lange gebraucht, um die Zusammenhänge zu schnallen. Also... Ein Typ hat im Treppenhaus herum gebrüllt, dass Harry alles zerstört hat. Und ich hab mich natürlich so verhalten, wie das jeder normale Nachbar macht. Ich hab mir einen Küchenstuhl und eine Tasse Tee genommen, mich an die Wohnungstür gesetzt und die Tür einen Spalt geöffnet, um auch ja nichts zu verpassen. Und dann brüllte der da so weiter und irgendwann hat Harry seine Wohnungstür aufgemacht und gefragt, was los ist. Und dann hat der Typ wieder nur herum geschimpft. Naja. Jedenfalls hatten die beiden wohl Nachrichten auf dem Handy geschrieben und der Typ hatte Harry geschrieben, dass er gehört hätte, dass Harry gut im Bett sei. Und daraufhin hat Harry geschrieben, dass dessen Vater doch bitte die Klappe halten soll..  äh... Wie sich herausstellte, war das nicht nur ein Spruch."
"Er hat... Mit dem Vater?"
"Ja... Der Bruder hat es wohl dann auch nochmal bestärkt, dass Harry wirklich sehr gut ist. Und als der Typ hier stand, hat Harry eiskalt gesagt, dass er das auch noch seinen Cousin und seinen besten Freund fragen kann..."
"Vielleicht sollte er besser aufzählen, wen von denen er nicht schon hatte..."
"Ja... Hab ich auch gedacht. Ich hab gedacht, der geht dann wieder. Also der Typ. Und dann steht der da und sagt eiskalt, dass er sich dann jetzt aber auch selbst ein Bild machen will... Hat er. Und zwei Tage später brüllte er herum, dass sich alle zerstritten haben. Wegen Harry. Der hat nur gesagt, dass sei nicht sein Problem...  Also ich meine... was ich damit sagen will ist... Emotionale Belange interessieren ihn halt normalerweise eben echt nicht."
"Ja. Und?"
"Du hast gesagt, dass er dir gesagt hat, dass er Dunkelheit ist... Sowas sagt er normalerweise nicht. Zumindest habe ich das noch nicht durch die Wand gehört. Und ich glaube auch nicht, dass er dazu sonst der Typ ist." Es war faszinierend, dass Niall nicht Mal den Versuch unternahm, so rüber zu kommen, als würde er seinen Nachbarn nicht bespitzeln.

"Keine Ahnung. Vielleicht erinnere ich ihn an wen oder so. Ich weiß es nicht, Niall. Ich weiß nur... Ich sollte mir da keine Hoffnungen machen. Harry... Er ist glaube ich einfach so. Und ich glaube nicht, dass das mit mir gut geht... Ich meine... Liam und Zayn..  sie sind toll... Und... Vielleicht ist da draußen noch jemand Tolles... Und..."
"Und es wäre trotzdem nicht Harry..."
"Du nagelst mich jetzt aber auf den fest, was?", fragte Louis mit dem Anflug eines traurigen Lächelns.
"Nein. Ich denke nur, dass du dich nicht selbst betrügen solltest. Wenn du so jemanden findest, freue ich mich für dich. Wirklich und aufrichtig. Ich helfe dir sogar beim Suchen. Aber... Spiel deine Gefühle für Harry nicht herunter.. und dass es, auch wenn man es im Kopf besser weiß, vielleicht manchmal schmerzhaft ist. Das ist okay, weißt du? Aber belüg dich nicht selbst."
"Du sprichst aus Erfahrung, oder?"
"Evangeline... Sie war... Toll. Perfekt. Wunderschön, intelligent, mit Humor... Sie hatte alles. Sie war... Ich dachte, sie wäre... Das wäre für immer. Sie hat mich betrogen. Immer wieder. Und ich hab es gemerkt. Aber... Ich wollte es nicht bemerken. Also habe ich weggesehen. Und irgendwann war sie weg. Und ich stand allein da..  und mochte mich nicht besonders. Ich hatte mich selbst belogen. Und ich habe ja nur mich... Ich hab lange gebraucht, um drüber weg zu kommen. Und ich möchte nicht, dass du auch so einen Fehler machst. Du musst deine Gefühle nicht jedem auf die Nase binden. Aber akzeptiere, dass sie da sind. Ja?", fragte Niall.
Louis nickte betreten. Niall tat ihm sehr leid.

"Was findest du bei einer Frau am Attraktivsten?", fragte Louis dann, um Niall wieder ins Reden zu bringen.
"Oh, ich mag schönes Lächeln, ich mag es, wenn sie sich selbst nicht zu ernst nimmt und ja.. natürlich guckt man gern schöne Menschen an und ich meine, also ja..."
Niall quatschte immer weiter, war irgendwann bei Kleidungsstilen und Frisuren angekommen, als Louis für sich feststellte, dass er an Frauen zwei "Dinge" attraktiv fand: Brüder und Väter... Sonst eigentlich nichts... Klar, gab ganz nett anzusehende.. aber attraktiv...im Sinne von begehrenswert? Nope.
Jap. Er war mal sowas von schwul.

Na, immerhin ist er sich da jetzt sehr sicher 😅.
Bis dann.
Viele Grüße ^⁠_⁠^

Innocent - Wird fortgeführt auf StorybanWo Geschichten leben. Entdecke jetzt