52. oder von Existenzängsten und Verpflichtungen

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Jedes Problem, das man bewältigt, bringt einen in der Zukunft weiter. Und gibt auch neue Kraft. - Steffi Graf

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Ich wurde etwas abgelenkt, mein Blick klebte an der Person und diese schubste immer wieder Leute zur Seite, bis sie endlich im Zentrum der Menge stand. Das hiess: direkt vor meiner Nase und so auch vor der Kamera. Der Fotograf protestierte genervt: "Was soll das, wir sind hier am arbeiten!" Die Person lächelte kokett und meinte: "Ach, sie sind hier sicherlich schon fertig, habe ich recht?" Überfordert zog der Fotograf eine Augenbraue hoch, und meinte dann: "Naja, eigentlich..." Ich sah dem stummen Ausdruck der Verzweiflung in ihren Augen, weshalb ich den Fotografen entschuldigend anlächelte: "Sie haben doch sicherlich genug Bilder, oder?" Er nickte leicht und ich eilte auf das Zelt zu, in dem meine Schwester schon verschwunden war. Was war nur passiert?

C H L O É
Der Blick meiner Schwester war ruhelos, genau wie ihr ganzes Wesen, als ich sie in einer Ecke des Zeltes stehen sah. Eleanor sah stirnrunzelnd von mir zu ihr und wieder zurück, doch ich bat: "Könntet ihr uns kurz alleine lassen?" El nickte zögernd und verliess das Zelt, genau wie Marco. Dodo atmete tief durch und erklärte mir: "Du musst mit mir kommen. Es ist wichtig." Ich zog fragend eine Augenbraue hoch und protestierte: "Ich habe hier mein Leben, geliebte Schwester. Was ist so wichtig, dass es nicht etwas länger hätte warten können?" Sie vergrub den Kopf in den Händen und drängte: "Bitte, ich wäre nicht hier, wenn es warten könnte! Ich erkläre dir alles auf dem Weg. Doch wenn du jetzt mit mir kommst, musst du wissen: es wird dein weiteres Leben entscheidend beeinflussen. Dein Leben würde jetzt auch in Merion verankert sein. Doch wenn du beschliesst jetzt nicht mitzukommen, heisst das, dass du die Unterwasserwelt vielleicht niemals wieder als deine Verbündete wissen wirst." Ich schluckte, schloss die Augen für einen Moment und murmelte: "Gib mir einen Moment mich umzuziehen." Dann eilte ich hinter die Trennwand und riss mir das Kleid vom Leib, nicht darauf achtend dass ich es ich heil liess und warf mich in meine Gammelklamotten.
Was konnte bloss so wichtig sein, dass Dodo so aufgelöst war? Und dass es mein ganzes Leben beeinflussen würde? Ich wusste, dass es nicht leicht war, eine Meerjungfrau zu sein... aber den Hass der ganzen Unterwasserwelt auf mich ziehen, nur weil ich jetzt nicht kommen würde, wollte ich nicht unbedingt.
Draussen packte der Fotograf alles zusammen, und zu meinem Erstaunen lächelte er mich an, als ich aus dem Zelt trat: "Das war ein gutes Shooting, trotz dieser plötzlichen Unterbrechung, vielen Dank. Ich würde mich freuen wieder mit dir zu arbeiten." Er reichte mir freundlich die Hand und ich lächelte entzückt: "Ich muss danken, ich bin sicher die Bilder sind gut geworden." "Ich schicke sie deiner Managerin, Taylor hiess sie glaube ich. Mit ihr habe ich auch den Lohn abgesprochen." Ich nickte überrumpelt und wendete mich Eleanor und Dodo zu. Letztere erklärte El gerade, dass sie vorhatte mich mitzunehmen, und es etwas länger dauern könnte, wichtige Familienangelegenheiten eben. El runzelte besorgt die Stirn: "Oh nein, soll ich Louis Bescheid sagen? Soll er auch zu euren Eltern kommen?" Ich erinnerte mich, dass sie ja gar nicht wusste, dass ich ändere Eltern als Louis hatte. Dodo schaltete noch schneller als ich und liess sich eine gescheite Ausrede einfallen, damit niemand erfahren würde, wo ich war oder was ich machte - dass ich weder bei meinen menschlichen noch wässrigen Eltern war - und zog mich dann mit sich. El würde wieder zu Louis und Harry mitsamt seiner Familie fahren, doch ich stieg zu Dodo ins Taxi, das uns auch sofort ans Meer brachte.
Dodo wollte mir partout nicht erzählen, was jetzt genau nicht stimmte, da der Taxifahrer uns für verrückt erklärt hätte, wüsste er worum es ging. Ich bezahlte das Taxi, da Dodo kein Geld hätte und bestand schliesslich darauf, dass sie es mir erklärte, da wir an dem ruhigen Strandabschnitt waren, wo sich hohe Wellen am Ufer brachen und der Wind unangenehm kalt über die Haut strich. Dodo runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, schwieg jedoch noch ein paar Minuten, bis sie hastig erklärte: "Ich weiss nicht genau, es ist alles so verwirrend. Vater hat mir gesagt, dass du unsere einzige Hoffnung bist, weil du die einzige bist, die Poseidon helfen kann." "Ach, Poseidon ist... unser Grossvater, habe ich recht?" Dodo nickte zufrieden: "Genau. Und du hast seine Macht geerbt." "Aber wie sollte ich ihm helfen können? Er ist doch sowas wie ein Gott für euch, oder nicht?" "Ein Gott ist er keineswegs, er ist nicht perfekt. Doch er ist unser Herrscher, unser Beschützer, ohne ihn können wir nicht bestehen", erklärte sie mir abfällig schnaubend, als hätte sie keine allzu grosse Meinung von ihm. Ich fragte genervt: "Ja aber was habe ich jetzt damit zu tun?" "Hast du es immer noch nicht kapiert? Ich weiss selbst nicht was los ist, doch unsere ganze Existenz schwebt in Gefahr, weil ihm etwas passiert ist, und nur du hast die Fähigkeit, alles wieder zum Guten zu wenden." "Lass uns gehen", beschloss ich, bevor sie mich noch mehr verwirren würde. So eine grosse Macht konnte ich gar nicht haben, dafür fühlte ich mich viel zu klein und hilflos in so einem grossen Meer voller Gefahren und jetzt auch Existenzängsten. Als ob ich eine ganze Nation retten könnte, vor allem vor etwas, das den König des Meeres besiegt hatte.
Das Meer kam mir kälter vor als sonst, doch vielleicht lag es auch nur daran, dass Dodo mich die ganze Zeit abfällig beachtete, wenn sie es überhaupt tat. Uns kamen keinerlei Lebewesen entgegen, weder Fische, noch sah ich irgendwo einen Krebs oder einen Seestern. Es schien alles leer, ausgestorben und hoffnungslos verloren zu sein. Das Korallenriff hatte seine schillernden Farben verloren und kein Leben herrschte in ihm. Auch Merion war nicht mehr das, was es einmal war. Nur wenige Meermenschen liessen sich blicken, und diese schienen seltsam gehetzt und verängstigt. Ich wusste, dass das Haus, auf welches Dodo und ich zuschwammen, üblicherweise das schönste hier unten war, doch heute wirkte es trist und grau, genau wie alles andere in der Unterwasserwelt.
Ein paar Meermänner, die mir bekannt vorkamen, standen neben dem Eingang. Mir fiel auch sofort wieder ein, woher: ich hatte sie getroffen, als ich das erste Mal mit meinem Vater zusammengestossen war. Sie verbeugten sich vor uns und einer der Meermänner erklärte: "Ihr Vater wartet auf euch, meine Herrinnen." Das letzte Wort durchzuckte mich wie ein Stromschlag und ich starrte die Männer, die aussahen als wären sie in meinem Alter, geschockt an. Meinte er tatsächlich uns damit? Dodo und mich? Ich warf meiner Schwester einen überforderten Blick zu, doch sie ignorierte mich und erwiderte mit kalter Stimme: "Erhebt euch! Wo ist er?" Ihr Tonfall war barsch und unnachgiebig, sogar ich hatte ein wenig Angst vor ihr. Ich wollte nicht wissen, wie sich der Mann fühlte, wo er doch angesprochen war. Er nannte ihr den Namen eines Saales, den ich vorher noch nie gehört hatte und blieb stocksteif stehen, bis sie an ihm vorbeigegangen war. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass auch ich ging. Ich lächelte ihm noch kurz zu: "Danke vielmals", und folgte dann meiner Schwester, die schon zügig losgeschwommen war.
In dem Saal, in dem wir kurz darauf ankamen, war es etwas wärmer, und es tummelten sich einige Meermenschen um eine heisse Quelle, die, wie es aussah, als Heizsystem diente. Ich erkannte unseren Vater, der über einer Steinplatte gebeugt war und sich irgendetwas genau ansah. Als er unsere Anwesenheit bemerkte, hob er den Kopf und winkte uns zu sich. Dodo beachtete mich immernoch kein Stück und verschwand aus dem Saal, sodass nur ich der Geste meines Vaters Folge leistete. Wie es aussah, war sie sich nur für mich bestimmt gewesen, denn kurz darauf waren wir alleine. Er zeigte auf etwas, das aussah wie ein Blatt Papier, doch es war aus einem festen Material, das nicht im Wasser verging. Ein Plan war darauf eingezeichnet, ich sah eine Menge Kreuze, Striche und Pfeile, doch was es genau darstellen sollte, wusste ich nicht. Mein Vater erklärte mir auf meinen fragenden Blick hin: "Das ist unsere Aufstellung, wenn wir Poseidon befreien. Du stehst hier." Er zeigte auf ein Kreuz, das etwas vor den anderen Stand. Wie es schien, sollte ich die Truppe anführen. Doch konnte ich das überhaupt?

⍟ Secrets ⍟ (A Harry Styles Fanfiction)Où les histoires vivent. Découvrez maintenant